Eine seltsame Entscheidung
An einem Nachmittag im September, um fünf Uhr, hat mein System etwas Seltsames getan. Eine Kilowattstunde aus dem Netz kostete in dem Moment 98 Cent. Ich habe einen dynamischen Tarif, der Preis kann sich alle 15 Minuten ändern. Also schaltete das System die Wärmepumpe ab und warf stattdessen die Gastherme an.
- Netzpreis98 ct/kWh
- Akku99 %
- WärmepumpeAUS
- GasthermeAN
Klingt vernünftig: Strom teuer, Gas billiger. Bis auf ein Detail. Der Akku war zu 99 % voll. Die Wärmepumpe hätte ganz vom Akku und der Sonne laufen können. Bemerkt habe ich es nur zufällig: Der Energiefluss im Dashboard zeigte Gas, während die Sonne schien.
Was ist also schiefgelaufen? Hat das System den Preis an der falschen Stelle angeschaut? Oder hatte es gar keinen aktuellen Preis? Um das zu beantworten, brauchen wir eine Frage, die einfach klingt, es aber nicht ist: Wann ist Strom wirklich billig?
Der Preis, auf den es ankommt
Genauer: Was kostet eine Kilowattstunde aus meinem Akku? Denn das ist der Strom, den mein Haus tatsächlich verbraucht. Liegt das System bei dieser Zahl daneben, trifft es falsche Entscheidungen. Bei mir: 69 Stunden in einem einzigen Monat.
Kurz zu meinem Aufbau, weil er hier wichtig ist. Mein Haus nimmt seinen Strom vorrangig aus dem Akku, oder direkt von der Sonne, solange sie scheint. Gefüllt wird der Akku von der Solaranlage, und im Winter, wenn die Sonne nicht reicht, kann er aus dem Netz nachgeladen werden. Es gibt also genau zwei Wege, wie Energie in den Akku kommt, und die kosten sehr unterschiedlich viel.
Der Akku ist ein Konto
Der Trick: Man behandelt den Akku wie ein Bankkonto. Jede Kilowattstunde, die hineingeht, bringt ihren Preis mit. Sonnenstrom kostet nichts, denn die Module sind längst bezahlt. Netzstrom kostet das, was ich tatsächlich dafür bezahlt habe. So bekommt die gespeicherte Energie einen Geldwert, und dieser Wert hilft bei der Entscheidung zwischen Wärmepumpe und Gas.
Der Preis einer Kilowattstunde im Akku ist dann einfach das, was der Inhalt gekostet hat, geteilt durch die Menge, die drin ist.
Akkupreis = Kosten des Inhalts ÷ Energie im Akku
Wir rechnen nach
Rechnen wir, mit Beispielzahlen. Deine sind anders, die Logik nicht. Angenommen, die Sonne bringt 10 kWh in den Akku, Kosten: null. Dann kommen an einem trüben Tag 5 kWh aus dem Netz dazu, zu je 30 Cent. Das sind 1,50 €.
| Energie | Preis | Kosten | |
|---|---|---|---|
| Sonne | 10 kWh | 0 ct/kWh | 0,00 € |
| Netz | 5 kWh | 30 ct/kWh | 1,50 € |
| Im Akku | 15 kWh | 1,50 € |
1,50 € ÷ 15 kWh = 10 ct pro kWh
- Sonne 10 kWh · 0 ct
- Netz 5 kWh · 30 ct
Entnehmen ändert den Preis nicht
Jetzt verbraucht das Haus 10 kWh. Was passiert mit dem Preis? Nichts. Er bleibt bei 10 Cent. Übrig sind 5 kWh im Wert von 50 Cent.
| Energie | Preis | Kosten | |
|---|---|---|---|
| Vorher | 15 kWh | 10 ct/kWh | 1,50 € |
| Entnommen | −10 kWh | 10 ct/kWh | −1,00 € |
| Rest im Akku | 5 kWh | 0,50 € |
0,50 € ÷ 5 kWh = weiterhin 10 ct pro kWh
- Sonne 3,3 kWh · 0 ct
- Netz 1,7 kWh · 30 ct
Stell dir einen Krug mit lauwarmem Wasser vor. Wenn du etwas ausgießt, wird der Rest weder wärmer noch kälter. Die Mischung bleibt die Mischung.
Nur Zuladen verändert die Mischung
Noch einmal kommen 5 kWh aus dem Netz, wieder zu 30 Cent. Das sind 1,50 € mehr.
| Energie | Preis | Kosten | |
|---|---|---|---|
| Schon im Akku | 5 kWh | 10 ct/kWh | 0,50 € |
| Netz | 5 kWh | 30 ct/kWh | 1,50 € |
| Im Akku | 10 kWh | 2,00 € |
2,00 € ÷ 10 kWh = 20 ct pro kWh
- Sonne 3,3 kWh · 0 ct
- Netz 6,7 kWh · 30 ct
Jedes teure Nachladen aus dem Netz treibt den Preis nach oben. Jeder Sonnentag verdünnt ihn wieder.
Fast null, und richtig
Das führt zu einer Zahl, die wie ein Fehler aussieht. Im Sommer, wenn der Akku fast nur von der Sonne gefüllt wird, sinkt der Preis auf etwa ein Hundertstel Cent pro Kilowattstunde.
Das ist kein Fehler. Das ist die richtige Antwort: Die Energie im Akku hat wirklich fast nichts gekostet.
Zwei falsche Reparaturen
Eine so kleine Zahl wirkt verdächtig. Ich schreibe den Code mit einer KI, und zweimal hat die KI versucht, diese Zahl zu „reparieren“. Ich habe das begleitet und die Ergebnisse beurteilt. Beide Reparaturen klangen völlig vernünftig.
- Reparatur 1: Nimm stattdessen den Netzpreis. Nur ist der aktuelle Netzpreis ein Preis, den ich nicht bezahle. In diesem Moment kam der Strom nicht aus dem Netz, sondern aus dem Akku.
- Reparatur 2: Nimm das, was die Energie anderswo hätte einbringen können. Das ergibt nur Sinn, wenn man sie verkaufen könnte. In diesem Beispiel gibt es keine Einspeisevergütung, also keinen zweiten Preis zum Vergleich.
Beide waren falsch. Die echten Kosten sind das, was aufs Konto eingezahlt wurde. Nicht mehr und nicht weniger. Auch der Akkuverschleiß steckt bewusst nicht in diesem Preis: Als ich ihn einmal eingerechnet habe, hat das mein System zum Gas geschoben statt zum fast kostenlosen Sonnenstrom.
Wärmepumpe oder Gas?
Warum ist das so wichtig? Wegen Entscheidungen wie der vom Anfang. Mit einer Kilowattstunde Strom liefert eine Wärmepumpe mehrere Kilowattstunden Wärme, den größten Teil davon aus der Außenluft. Dieser Faktor heißt Leistungszahl, kurz COP. Bei einem COP von 3 liefert 1 kWh Strom 3 kWh Wärme. Der COP ist nicht fest: An warmen Tagen liegt er deutlich über 6, gemessen habe ich bis etwa 7,5. In der Kälte, bei −6 °C, fällt er auf etwa 2,5.
Wärmepreis (Wärmepumpe) = Strompreis ÷ COP
Auch die Gastherme hat eine Art COP: ihren Wirkungsgrad, etwa 0,97. Gaswärme hat also ihren eigenen Preis pro Kilowattstunde Wärme:
Wärmepreis (Gas) = Gaspreis ÷ Wirkungsgrad
Die günstigere Quelle gewinnt. Setzen wir Zahlen ein: Winter, COP 3. Meine echten Werte um den Gefrierpunkt liegen zwischen 3 und 4, aber mit 3 rechnet es sich leichter. Wärme aus Gas kostet mich rund 10 Cent, ohne Grundgebühr.
Mit Strom aus dem Akku gewinnt die Wärmepumpe um den Faktor drei. Jetzt derselbe Winter, aber der Akku ist leer und muss aus dem Netz nachgeladen werden, zu 42 Cent. Dann kostet auch der Akkustrom rund 42 Cent. Geteilt durch drei sind das 14 Cent pro Kilowattstunde Wärme:
Jetzt ist Gas klar günstiger. „Wärmepumpe oder Gas?“ hat also keine feste Antwort. Es kommt darauf an, woher der Strom käme und welchen Preis er trägt.
Der Kipppunkt
Man kann sogar ausrechnen, ab welchem Strompreis die Wärmepumpe verliert: Preis der Gaswärme mal COP. Darunter gewinnt die Wärmepumpe, darüber das Gas.
Kipppunkt = Gas-Wärmepreis × COP
Im Winter, mit COP 3, verliert die Wärmepumpe erst, wenn Strom mehr als etwa 30 Cent kostet. Bei mildem Wetter, mit einem COP von fast 6, liegt die Grenze bei etwa 60 Cent. Ein Akku mit 10 Cent kommt da nicht einmal in die Nähe.
Über eine ganze Woche in einem Beispielhaus sieht das so aus: An sonnigen Tagen bleibt der Akkupreis nahe null, und die Wärmepumpe heizt allein; nach grauen, kalten Tagen und einer nächtlichen Nachladung aus dem Netz steigt er, in den kältesten Stunden mit niedrigem COP gewinnt das Gas, und sobald die Sonne zurückkommt, fällt der Preis wieder.
69 Stunden → 0 Stunden
Jetzt ergibt der Fehler vom Anfang Sinn. Die alte Regel hat immer nur auf den Netzpreis geschaut. Um fünf an jenem Nachmittag sah sie 98 Cent und sperrte die Wärmepumpe. Dabei war der Akku zu 99 % voll, und die Wärmepumpe hätte für einen Bruchteil eines Cents pro Kilowattstunde daraus laufen können. Einen aktuellen Preis hatte das System also. Es schaute nur auf den falschen: den des Netzes statt den des Akkus.
In 30 Tagen hat diese Regel die Wärmepumpe 69 Stunden lang gesperrt. In jeder einzelnen dieser Stunden war der Akku zu mehr als 60 % voll. Mehr als 60 % voll, und trotzdem gesperrt. Mit dem richtigen Preis wären es null Stunden gewesen.
Dieselben 30 Tage (19. August bis 18. September, 728 Stunden Daten): Der niedrigste Ladestand in diesen 69 Stunden lag bei 64 %. Die 0 Stunden sind mit denselben Daten nachgerechnet, nicht gemessen. Und wäre der Akku leer gewesen, hätte auch die neue Regel diese Stunden gesperrt, denn dann wäre der Netzpreis wirklich der Preis der Quelle gewesen.
Die Regel
Woher käme der Strom jetzt gerade? Dann nimm den Preis genau dieser Quelle.
Das gilt für jede Preisentscheidung in einem Haus. Nicht der Preis aus den Nachrichten. Nicht der Preis, der sich richtig anfühlt. Der Preis der Quelle.
Und bei dir?
Das Konto funktioniert mit jedem Akku. Zwei Details hängen von deiner Anlage ab:
- Speist deine Anlage ins Netz ein, ist die Einspeisevergütung, auf die du beim Speichern verzichtest, ein echter Preis. Dann ist Sonnenstrom auf deinem Konto nicht gratis, sondern kostet so viel, wie du beim Verkauf bekommen hättest. Ohne Einspeisevergütung, wie in diesem Beispiel, ist es wirklich null.
- Verluste und Verschleiß lässt dieses Beispiel bewusst weg. Laden und Entladen kosten einen spürbaren Teil der Energie, oft 5 bis 15 Prozent, und jeder Zyklus lässt den Akku ein wenig altern. Beides ist real, aber ein eigenes Thema, und am Prinzip ändert es nichts.
Ausblick: Netzladen
Damit liegt die nächste Frage auf der Hand: Wann ist Netzstrom billig genug, um den Akku zu füllen? Das ist kniffliger, als es aussieht.
- Seit Oktober 2025 setzt der Day-Ahead-Markt, an dem der Strom für den nächsten Tag gehandelt wird, für jede Viertelstunde einen eigenen Preis fest: 96 am Tag.
- Die Preise für morgen kommen erst am frühen Nachmittag.
- Man sieht also nie mehr als etwa anderthalb Tage voraus.
- Wenn der Preis, den man tatsächlich zahlt, bei null oder darunter liegt: ein klares Ja.
- Alles andere: nur, wenn der Akku sonst wirklich knapp würde.
Darum geht es in einer späteren Folge: Netzladen im Winter: nie einfach volltanken.
Zusammenfassung
- Der Akku ist ein Konto: Sonnenstrom kommt gratis hinein, Netzstrom zu dem, was du bezahlt hast.
- Entnehmen ändert den Preis nie. Nur Zuladen tut das.
- Nimm bei jeder Entscheidung den Preis der Quelle, aus der der Strom tatsächlich käme.
Messwerte (98 ct, 99 %, 69 h, 64 %, COP, Gaswärme rund 10 ct) stammen aus dem laufenden System und sind gerundet. Die kWh-Mengen sowie die 30 ct und 42 ct in den Rechenbeispielen sind Beispielzahlen.